Buch

Simplify Your Life

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, schrieb einst Albert Camus über jene griechische Sagengestalt, die Tagein tagaus denselben Felsen einen Berg hinaufrollte. An Sisyphos und an die Hoffnung, dass er Spaß hatte an seiner Arbeit, muss man denken, wenn man Werner Ticki Küstenmachers und Lothar J. Seiwerts Ratgeberklassiker Simplify your life durchgelesen hat. Denn sein Leben zu vereinfachen bedeutet schwere Arbeit.

Wer den „simplify-Weg“ zu einer glücklicheren Existenz gehen will, soll sein Leben als Pyramide betrachten. Auf rund 350 Seiten beschreibt das Buch, wie man sie vom Fundament hin aufwärts verändert, vereinfacht und verbessert – vom Besitz, über Finanzen, Zeit und Gesundheit, bis hin zu Beziehungen, der Partnerschaft und dem eigenen Selbst. Simplify your life ist also kein Ratgeber für einen Lebensbereich, sondern nimmt das große Ganze in den Blick.

Das große Ganze kriegt man in den Griff, indem man sich um die Details kümmert. Und das sind viele. Für jede Lebenslage hat das Buch konkrete Anweisungen und Tipps parat. Der Tonfall ist motivierend bis fordernd. Der inhaltliche Aufbau ist so geschickt, dass man es von vorn bis hinten durchgehen kann, aber nicht muss. Der „simplify-Weg“ lässt sich auch in Etappen beschreiten. Ihn sich ganz vornehmen kann allerdings leicht zur Lebensaufgabe werden.

Den „simplify-Weg“ besser nur in Anschnitten gehen

Vor allem zwei Aspekten des Buches kann man in diesen Zusammenhang anzweifeln. Erstens seinen Umfang. Simplify your life dreht sich um die Optimierung aller Lebensbereiche. Selbst ein Ausflug ins Grüne soll zur Selbstverbesserung genutzt werden, indem man alle Dinge, die man sieht, wie ein kleines Kind laut beim Namen nennt – dies aktiviere beide Gehirnhälften, schreiben die Autoren. Statt am Frühstückstisch die Zeitung zu lesen, solle man sich das Wichtigste von anderen Familienmitgliedern zusammenfassen lassen und selbst nur noch ausgewählte Artikel aus Fachzeitschriften studieren. Und im Privaten müsse man sein „Zärtlichkeitskonto“ im Auge behalten, denn: „Das Kapital einer Ehe ist die Zärtlichkeit.“ Hier muss jeder Leser selbst festlegen, ob er alle Aspekte auch seines Lebens mit der gleichen Kosten-Nutzen-Logik optimieren will.


Ein zweiter Kritikpunkt richtet sich auf das Persönlichkeitsmodell am Ende des Buches. Um den Leser bei der Frage „Wer bin ich?“ zu helfen, setzen Küstenmacher und Seiwert auf den Enneagramm-Test, nach dem jeder Mensch einem von drei „Zentren“ (Bauch, Herz, Kopf) und einem von neun Charaktertypen zugeordnet werden könne. Dieses Strukturmodell wurde 1916 von dem Esoteriker  Georges I. Gurdjieff entwickelt und erfreute sich vor allem bei Anhängern der New-Age-Bewegung einiger Beliebtheit. Das Enneagramm muss deswegen nicht völlig verkehrt sein, mit wissenschaftlicher Psychologie hat es allerdings nichts zu tun.

Den „simplify-Weg“ nur abschnittsweise zu beschreiten mag von daher vielleicht nicht im Sinne der Autoren sein, allemal jedoch im Sinne der Vernunft. Der Ratgeber kann einem mit seinen vielen lesenswerten Hinweisen auch dann das Leben einfacher machen, wenn man nicht rund um die Uhr an dessen Verbesserung arbeiten möchte. Einen Sisyphos, der regelmäßig Pausen macht, kann man sich eben noch leichter als glücklichen Menschen vorstellen.

Bei amazon bestellen

Mehr Bücher

Noch keine Kommentare vorhanden.

Sag' Deine Meinung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *