Buch

Wie Schirrmacher den Egoismus entzaubert

In seinem Buch Ego beschäftigt sich Frank Schirrmacher mit der Frage, wieso es zu Börsencrashs kommt, und wieso in den globalen Gesellschaften Angst, Misstrauen und Egoismus herrschen. Weil Menschen so sind, könnte man einwenden. Nein, schreibt Schirrmacher, weil man uns das glauben lassen will.

Ego von Frank SchirrmacherWarum tun wir, was wir tun? Warum funktioniert unsere Wirtschaft so und nicht anders? Wissenschaftler verschiedener Disziplinen forschen an diesen Fragen bereits seit Menschengedenken. Das 19. Jahrhundert brachte dabei ein neues Modell hervor: den Homo oeconomicus. Dieser Modell-Mensch ist stets auf seinen Vorteil bedacht, handelt allzeit rational und ist darum wunderbar einfach zu untersuchen. Je genauer man den Homo oeconomicus kennt, desto besser kann man sein Verhalten vorausberechnen – vor allem sein Finanzverhalten. Wenn wir jedoch in einer Welt lauter Homines oeconomici leben, wieso kommt es dann zu katastrophalen Krisen wie dem Finanzcrash 2008?

Frank Schirrmacher geht in seinem Buch Ego – Das Spiel des Lebens  dieser Frage auf den Grund und verrät die Antwort gleich zu Beginn: Menschen sind nicht wie der Homo oeconomicus und deswegen versagen alle Prognosen, die auf diesem Modell beruhen.

Die Krux dabei ist bloß, dass das globale Finanzsystem von ihm vollkommen durchdrungen ist. Google schlägt ihnen Werbung passend zu ihren Suchbegriffen vor, weil ein Homo oeconomicus, der sich für die Funktionsweise eines Rasensprengers interessiert, bestimmt auch Gartengeräte kaufen möchte. An den Börsen handeln nicht Experten aus Fleisch und Blut miteinander, sondern Hochleistungscomputer, die alle möglichen Informationen interpretieren und danach ihre Investitionsentscheidungen fällen. Alles basiert auf der Annahme, Menschen verhielten sich rational und vorteilsoptimierend.

Schirrmacher erforscht ein falsches Menschenbild

In Ego rekonstruiert FAZ-Herausgeber Schirrmacher in einem wilden Ritt durch Berge von Literatur, Studien und Insideraussagen, wieso unser Finanzwesen auf einem falschen Menschenbild basiert. Die Geschichte liest sich vielleicht nicht wie eine wirre Verschwörungstheorie, aber doch recht abenteuerlich. Sie geht in Umrissen so: Als zwischen dem Westen und dem Ostblock der Kalte Krieg tobte, eroberten Naturwissenschaftler die politischen Denkwerkstätten. Mit den USA und der UdSSR standen sich zum ersten Mal in der Geschichte zwei Machtblöcke gegenüber, die mit ihren Atomwaffen den Weltuntergang herbeiführen konnten.

Damit änderten sich machtpolitische Überlegungsmodelle schlagartig. Das Überleben wurde zur absoluten Priorität und jedes Verhalten eines Staates damit berechenbar, wenn man nur über genug Informationen verfügte. Wo vorher Politiktheoretiker das Verhalten von Präsidenten zu interpretieren versuchten, entwarfen nun Spieltheoretiker komplexeste Modelle und Szenarien. Der Homo oeconomicus war Realität geworden, zumindest zwischen Nuklearmächten.

Dann zerbrach 1989 der Eiserne Vorhang und hier sieht Schirrmacher die große Zäsur auf dem Weg zu unserem heutigen Finanzsystem. Mit dem Fall der Berliner Mauer wurden weltweit in den Think Tanks der Regierungen und Militärapparate zahlreiche Physiker und Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Statistiker mit einem Schlag arbeitslos. Es gab ja keinen Feind mehr, dessen Verhalten sie vorausberechnen konnten. Diese Fachleute verschlug es reihenweise in die Finanzwirtschaft, an die Wall Street und in die City of London. Dort berechneten Sie fortan das Verhalten von Unternehmen, Investoren und ganzen Volkswirtschaften voraus. Im Kalten Krieg vergrößerten Informationen die Überlebenswahrscheinlichkeit, an den Börsen rund um die Welt bedeuten sie Profit.

Menschen sind keine radikalen Egoisten

Das Interesse eines von der atomaren Vernichtung bedrohten Staates ist allerdings besser mit Zahlen und Formeln zu erfassen als das wirtschaftender Menschen. Schon als Nobelpreisträger John Nash (verkörpert von Russell Crowe in A Beautiful Mind) sein berühmtes Nash-Equilibrium an seinen Sekretärinnen ausprobierte, versagte es kolossal: Anders als gedacht handelten die Frauen nicht nutzenmaximierend, sondern entschieden sich stets für die Kooperation.

Schirrmacher hat eine Fülle solcher Verweise zusammengetragen, manche sind ulkige Anekdoten, andere bieten ungeahnte Einsichten in das Innere der Finanzwirtschaft. Häufig geht in all dem Material der rote Faden verloren. Und irgendwann bekommt anscheinend selbst der Autor Angst vor den eigenen Schlussfolgerungen. Dass der Einzelne immer weniger Einfluss hat in einer Welt, die von unmenschlichen Börsenalgorithmen beherrscht wird, führt uns geradewegs in ein Dystopia wie von Aldous Huxley (Schöne neue Welt) oder den Wachowsky-Geschwistern (Matrix) beschrieben.

So weit will Schirrmacher in Ego dann doch nicht gehen. Er rät zum kritischen Hinterfragen der Verhältnisse und zum Besinnen auf die eigenen Ziele und Wünsche, ohne in Angst, Misstrauen und Egoismus zu verfallen. Das ist sicher das richtige, aber zugleich  unbefriedigende Fazit, dieses ansonsten sehr geist- und informationsreichen Schmökers über das, was Mensch und Wirtschaft im Innersten antreibt – oder eben nicht.

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