Daniel Schulte-Kump hat so gut wie alles erreicht. Abitur, Studium, ein eigenes Gesundheitszentrum und nebenbei noch Erfolg im Leistungssport. Doch dann lag der Unternehmer am Boden. Diagnose: Burnout. Aus und vorbei, sagten die Ärzte. Aber mit viel Willenskraft kämpfte er sich wieder nach oben.

Auf der Homepage seiner Firma schreibt der 31-Jährige: „Ich bin froh, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben.“  Sein Hobby, das ist der Sport.

Bei Daniel Schulte-Kump(31) wurde vor drei Jahren das Burnout-Syndrom diagnostiziert



Seit 20 Jahren ist er mittlerweile im Kanurennsport. Mit elf Jahren packte ihn die Begeisterung und ging trotz des harten Trainings nicht verloren. Neben der Schule trainierte er sechsmal die Woche zwei bis drei Stunden. Am Wochenende warteten dann die Wettkämpfe, von denen er einige Landestitel nach Hause fuhr. Mit 17 Jahren holte er sich dann eine bronzefarbene deutsche Meisterschaftsmedaille – dieser dritte Platz brachte ihn in die Leistungsklasse.
„Auf meine Abiprüfung habe ich mich im Trainingslager auf Mallorca vorbereitet, während andere zu Hause saßen und in Ruhe lernten. Aber ich habe trotzdem mit einem guten Durchschnitt abgeschlossen. Faszinierend ist, dass viele Kinder, die Leistungssport betreiben, eine bessere Konzentration zu haben scheinen und dadurch in der Schule gute Leistungen bringen, trotz des vielen Trainings.“

2003 kam dann die Goldmedaille bei den deutschen Meisterschaften im Zweierkajak über 200 Meter. Ein Jahr später folgte die Silbermedaille, nur knapp wurde Daniel Schulte-Kump vom amtierenden Olympiasieger geschlagen. Der damals 22-Jährige hatte sich gerade für ein Studium der Sportwissenschaften entschieden. Neben Training und Vorlesungssälen warteten Nachtschichten in einer Brotfabrik und später eine holländische Surfschule als Nebenjobs auf ihn. Das Studium musste er sich schließlich selbst finanzieren.
Trotz der großen zeitlichen Belastungen entschied er sich 2007 für die Selbstständigkeit als Personal-Trainer, alles neben Studium um Training. Als sich die Chance ergab, ein eigenes Gesundheitszentrum zu eröffnen, ließ er sie nicht ungenutzt. „Ich gab Ernährungsvorträge, bot Personal-Training oder Rückenschule an. Ich habe 2008 Vollgas gegeben, mich beruflich weiterentwickelt und bin gleichzeitig wieder Westdeutscher Meister im Kanusport geworden. Das war mein Höhepunkt. Bis zum Februar 2009: Dann kam der Absturz.“

Zusammenbruch mit 28 Jahren

Daniel Schulte-Kump wollte nicht wahrhaben, dass seine körperliche Leistungsfähigkeit Grenzen haben könnte. Ratschläge, langsamer zu machen, oder sich öfter auszuruhen, ignorierte er. Stattdessen ging er auf eine Geschäftsreise, besuchte Hotels und versuchte Fitnessreisen zu vermarkten. „Ich machte mehr, mehr, mehr und letztlich lief ich mit Halluzinationen durch die Gegend. Bis jemand merkte, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ein Arzt diagnostizierte dann eine Manie. Anders als bei anderen Burnouts, bei denen man zusammenbricht, war ich total aufgedreht, der Abbruch in die Depressionen kam erst zwei Monate später. Getreu dem Motto: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Da ging es richtig in den Keller.“

Burnout. Das ist eine Diagnose die statistisch gesehen jeden neunten Deutschen trifft. Und ein Burnout kann sich bei jedem anders auswirken. Nur eines ist immer gleich: Man ist ausgebrannt. Konzentration, Leistungsfähigkeit und Energie sind nicht mehr vorhanden.
Zunächst wurde seine Hyperaktivität klinisch mit Medikamenten behandelt, dann erfuhr Daniel Schulte-Kump diese Ohnmacht des Burnout-Syndroms.
Die Ärzte prognostizierten, er werde den Studienabschluss wohl kaum schaffen. Leistungssport könne er sich abschminken, und ob er beruflich je wieder Vollzeit arbeiten könne, das wollte ihm auch keiner bestätigen. Er sollte sich lieber einen Job ohne starke Beanspruchung suchen.
Er wird sehr ernst, erinnert er sich an diese Zeit: „Nur Familie und Freunde standen hinter mir und haben mich unterstützt. Damals habe ich aber auch gemerkt, wer ein wirklicher Freund ist. Wer für mich da war und wer mich hängen ließ. Hätte ich nur auf die Ärzte gehört, ich  steckte vielleicht immer noch in dem Tief.“
In den nächsten Monaten gab er sich der Ruhe hin; er spürte auch, dass ihm kaum eine andere Wahl blieb. Das Gesundheitszentrum wurde aufgelöst und er ließ sich von seiner Familie unterstützen, kehrte ins Elternhaus zurück.
„Ich hatte schwere Depressionen, lag nur zuhause herum und merkte, dass mein Körper rebellierte. Man ist verzweifelt, gekränkt, enttäuscht von sich selbst und zieht sich damit selbst noch weiter runter. Vorher war ich Leistungssportler, plötzlich war schon ein 20-minütiger Spaziergang zu viel.“ Von der durchtrainierten 90-Kilo-Figur war nicht mehr viel zu erkennen, die Waage zeigte 19 Kilo mehr an. Zur grundsätzlichen Erschöpfung taten die verschriebenen Medikamente noch ihr übriges.
Aber Daniel fand noch einmal zurück. Er informierte sich über neue Methoden der Behandlung, und vier Monate nach seinem Zusammenbruch erhielt er einen Platz in einer renommierten Privatklinik.
Die medikamentöse Einstellung wurde geändert, die Betreuung intensiviert. Und trotzdem ging es noch einmal bergab: „Ich bekam Suizidgedanken, steckte plötzlich im tiefsten Tief. Beim Autofahren erwischte ich mich, wie ich die Bäume betrachtete und mir überlegte, welchen ich jetzt nehmen soll… Ich habe mich dazu durchgerungen, mich meiner Therapeutin zu offenbaren; es war sehr schwer, das zuzugeben, aber nur dadurch konnte sie mir helfen.“

Mit Willenskraft zurück ins Leben

Acht Wochen dauerte der zweite Klinikaufenthalt, geheilt war der ehemalige deutsche Meister aber nicht. Es folgte eine Berg und Talfahrt der Gefühle und der Leistungsfähigkeit, nie wissend, wie der nächste Tag sein würde. Für Außenstehende ist es schwer, diese Stimmung und diese „Ausgebranntheit“ zu verstehen oder sogar zu akzeptieren: „Viele tun so etwas salopp ab und sagen: Nun stell dich nicht so an. Aber man fühlt sich wirklich erschlagen. Die Gedanken schweifen ständig ab, man kann sich nicht konzentrieren. Ich war am Boden, ich konnte nicht mehr. Von außen hilft da nur positive Unterstützung, Zuspruch und Verständnis.“
Daniel erhielt die Unterstützung seiner Familie und obwohl alle meinten es wäre noch zu früh, entschied sich der Dortmunder im Januar 2010 sein Diplom zu schreiben.
Er setzte sich immer wieder kleine Ziele und erhielt umfassende Unterstützung von seinem Betreuer bei der Arbeit, konnte immer anrufen wenn er nicht weiterkam und um Hilfe bitten.
So begann er mit kleinen Schritten ein bis zwei Stunden am Tag an der Diplomarbeit zu schreiben. Manchmal hielt die Konzentration, manchmal musste er nach einer halben Stunde schon aufhören. Er hörte intensiv auf seinen Körper, behielt aber gleichzeitig das Ziel im Auge.

Dieses Durchhaltevermögen wurde belohnt: Im Oktober 2010 schloss er sein Diplom ab und schaffte, woran weder Ärzte noch viele aus dem Bekanntenkreis geglaubt hatten.
Trotz seiner verminderten Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit hielt Daniel Schulte-Kump schließlich das Diplom der Sportwissenschaften mit einem Abschluss von 2,7 in den Händen. „Mein eigener Wille und die kleinen selbst gesteckten Ziele haben mich letztlich rausgeholt. Einfach die Diplomarbeit zu schreiben, obwohl alle abgeraten haben, letztlich mit dem Leistungssport wieder anzufangen, obwohl die Ärzte sagten, dies wäre nie wieder möglich, und dann meine erneute Unternehmensgründung 2011. Ich machte einfach so viel, wie ich unter Berücksichtigung meiner Gesundheit konnte – und daraus das Beste.“

Personal-Training und Burnout-Prävention

2011 gründete er sein eignes Unternehmen und gibt seine Erfahrungen an andere Betroffene weiter

Dafür sind ihm heute andere Menschen in ähnlichen Situationen dankbar. Denn der Personal-Trainer und Geschäftsführer des Unternehmens AliaSports konzentriert sich nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die mentale Fitness seiner Kunden. Auch Burnout-Patienten kommen zu ihm, schätzen, dass er sich in ihre Lage hineinversetzen kann. Daniel Schulte-Kump sieht seine Arbeit dabei nicht nur als Hilfe für andere, auch er selbst kann seine Geschichte verarbeiten, wenn er darüber spricht.

Deswegen hat er sich auch nicht nur für Artikel, Fernsehberichte und 2011 gründete er sein eignes Unternehmen und gibt seine einen offenen Umgang mit seinen Kunden Erfahrungen an andere Betroffene weiter entschieden, er hat seine Geschichte zusätzlich in einem Sammelband veröffentlicht: „Durch einen Zeitungsartikel wurde Peter Buchenau vom Burnout-Zentrum e.V. auf mich aufmerksam und fragte, ob ich mit an dem Buch schreiben möchte. Ich stimmte zu, aber dass es mir letztlich so schwer fällt, hätte ich nicht gedacht. Es war wirklich hart, meine Gefühle zu Papier zu bringen, aber es hat mir bei der Verarbeitung sehr geholfen.“

Für die kommenden Monate plant der 31 jährige weitere öffentliche Auftritte. Sportlich ist er neben seinem Personal-Training zum Kanusport zurückgekehrt. Er setzt sich jedoch nicht mehr unter Druck, sondern fährt um der Leidenschaft und der Fitness wegen. Trotzdem nimmt er in zweieinhalb Wochen wieder die Paddel zur deutschen Meisterschaft in die Hand. Daneben lässt er es aber auch beruflich etwas ruhiger angehen, hat nur ein großes Ziel: „Ich möchte einfach mein Personal-Training weiterführen und vor allem weitere Vorträge halten, um anderen das Burnout-Syndrom näher zu bringen. Ich möchte sensibilisieren, informieren und Betroffenen mit meiner Geschichte zeigen: Selbst wenn ihr ganz unten seid, selbst wenn ihr in diesem Tief steckt, ihr könnt wieder rauskommen!“

Autoren: Peter Buchenau & Petra Wenzel

Zwölf ehemals Betroffene erzählen anhand ihrer persönlichen Geschichten wie sie das Burnout-Syndrom erlebt und überwunden haben. Mit Ehrlichkeit und Nähe kann das Buch helfen, das Syndrom besser zu verstehen. Betroffenen und Gefährdeten können die Geschichten Mut machen und Hoffnung geben.

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