Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind seit 116 Jahren DIE Chance für Sportler ihre Leistungen unter Beweis zu stellen. Während manche Teilnehmer schnell in Vergessenheit geraten, gibt es einige, die bei den Wettkämpfen Geschichte schreiben – und das auch manchmal ungewollt, ohne Goldmedaille oder Weltrekord.

Wir haben die sieben kuriosesten Erfolge und Geschichten aus 116 Jahren Olympia zusammengetragen.

Die Olympischen Spiele fordern Höchstleistungen und locken dafür mit Prestige – für  das Land, den Sportler und die jeweilige Sportart. Doch während manche die Medaillen mit allen möglichen Mitteln erreichen wollen, wissen einige Teilnehmer noch nicht einmal worum es bei Olympia geht – geschweige denn, für welche Sportart man antritt.

Goldpokal statt Goldmedaille

Mit einem richtigen Kämpferherz wurde Dorando Piertri geboren.


Bei den Olympischen Spielen 1908 in London glaubte der italienische Läufer, genau wie die Zuschauer und Offiziellen, dass er die Goldmedaille im Marathon schon sicher hätte. Doch kaum war er ins White City Stadium eingelaufen, brach er erschöpft zusammen – 350 Meter vor dem Ziel.
Außenstehende halfen ihm auf, und Pietri torkelte weiter zur erlösenden Linie, brach jedoch weitere viermal zusammen. Zehn Minuten soll er für diese letzten Meter benötigt haben, doch er kam ins Ziel! Zwar wurde der italienische Läufer für die unerlaubte Hilfe des Publikums disqualifiziert, von der Queen bekam er allerdings  einen Goldpokal für seinen Kampfesgeist. Zudem gewann er die Herzen aller Zuschauer dieses Spektakels.

Tausche Laufschuhe gegen Tennisschläger

Ein richtiges Multitalent warFritz Traum. Zwar schied  der Deutsche 1896 als Läufer schon im Vorlauf aus, aber er wollte unbedingt weiter dieses Olympia-Gefühl erleben. Er legte seine Laufschuhe beiseite, kaufte sich einen Tennisschläger und trat  zusammen mit dem Iren John Pius Boland im Tennis an. Die beiden holten die Goldmedaille – als letztes international gemischtes Team das bei den Spielen erlaubt war.

Bart oder Brüste?

Irina und Tamara Press; Quelle: regiowiki.hna.de

Vor 1966, also vor der Einführung der visuellen Geschlechtertests, konnte man nie ganz sicher sein, ob eine Athletin auch tatsächlich eine Frau war. Starke Diskussionen gab es vor allem um die sowjetischen Stars Tamara und ihre „Schwester“ Irina Press. In den Jahren 1960 und 1964 siegten die beiden praktisch in allen möglichen Disziplinen: Hürdenlauf, Kugelstoßen, Diskuswerfen und der neuen Disziplin des Fünfkampfes.

Sie stellten Weltrekorde auf, holten EM- und WM-Titel und natürlich auch olympisches Gold. Doch als Zuschauer fragte man sich, was da eigentlich vor sich ging. Ausschlaggebend waren die fragwürdigen, markanten Gesichtszüge. Deshalb fing auch die Sportlerwelt unlängst an, von den „Press-Brothers“ zu sprechen. Die Press-Geschwister waren damit zwei von Dutzenden Athleten fragwürdigen Geschlechts, aber zudem zwei, die plötzlich von der Bildfläche verschwanden, als der visuelle Geschlechtstest 1966 eingeführt wurde. Die Anmeldung für die damalige Europameisterschaft in Budapest wurde spontan zurückgezogen – angeblich wurde die Oma krank. Die Genesung der Großmutter schien jedoch lange zu dauern: Tamara und Irina kehrten niemals in die Sportwelt zurück.

Mögen die Spiele beginnen

Einige Sportler wollen die Medaillen mit allen Mitteln holen, beweisen Kampfgeist, Ideenreichtum und können als Multitalent bei mehreren Sportarten antreten. Doch es gibt noch die anderen Sportler, die unscheinbaren, mit denen keiner rechnet.

In den 116 Jahren der Olympischen Spiele, gab es schon einige Momente zum Staunen, Weinen oder Lachen. Dabei sind es nicht immer die Rekorde und die unglaublichen Leistungen, die die sportlichen Wettkämpfe ausmachen, es sind auch die liebenswerten Exoten und unscheinbaren Sportler, die plötzlich die größten Erfolge feiern können.
Hier ist der zweite Teil der sieben kuriosesten Erfolge und Geschichten aus 116 Jahren Olympia.

Auf nackten Sohlen zum Siegertreppchen

Abebe Bikila, Zweifacher Olympiasieger im Marathon (1960 & 1964); Barefoot Runner von Paul Rambali

Eine der unglaublichsten Erfolgsgeschichten handelt von dem 28-jährigen Äthiopier Abebe Bikila. Denn eigentlich war Abebe nur einer von vielen Leibwächtern des damaligen Kaisers Haile Selassie und kein Sportler. Doch der Kaiser verfügte, dass eine Olympia Mannschaft gebildet werden solle.
2:21:23 Stunden soll Bikila im ersten Marathon gelaufen sein und war damit gut genug für das Trainingscamp, aber nicht der Beste: Das war damals Wami Birrato. Da dieser sich jedoch körperlich übernahm, musste er die Zeit der Olympischen Spiele 1960 im Krankenhaus verbringen und so sprang Abebe als Zweitschnellster ein.
Das Besondere an seiner ungeplanten Marathonteilnahme bei den Sommerspielen: Die Schuhe passten angeblich nicht, also lief der Äthiopier einfach barfuß und damit hängte er auch noch alle Konkurrenten in Rom ab. Er schnappte sich die Goldmedaille und wurde in Rom zum ersten Olympiasieger eines schwarzafrikanischen Staates.
Dieser Sieg schien wie ein Weckruf für den ganzen Kontinent gewesen zu sein, denn in den nächsten Jahrzehnten belegten  hauptsächlich Afrikaner die vorderen Platzierungen in den Laufwettbewerben bei Olympia.

Unter ihnen war auch noch einmal Abebe. 1964 trat er in Tokio erneut beim Marathon an – diesmal mit Schuhen, dafür ohne Blinddarm. Der war ihm nämlich fünf Wochen vorher entfernt worden. Trotzdem gelang es dem Äthiopier wieder den Sieg davonzutragen.

Damit war er der erste Teilnehmer, der ein Marathongold verteidigen konnte.

Olympia schweißt zusammen

1936 gab es einen der längsten Kämpfe beim Stabhochsprung um eine Silbermedaille. Fünf Stunden lang sprangen die japanischen Teilnehmerinnen Nishida Shūhei und Ōe Sueo gegeneinander um den zweiten Platz. Letztlich überwanden beide Sportlerinnen auch die 4,25 Meter-Hürde und so entschied nur noch die Anzahl der Fehlversuche. Nishida hatte demnach weniger Punkte auf dem Konto und durfte das Silber entgegennehmen, Ōe erhielt Bronze.
Zurück in der Heimat suchten die beiden einen Juwelier auf, ließen die Medaillen zerteilen und sie zu jeweils zwei, halb silbern, halb Bronze, wieder zusammenfügen.
Bis heute gelten diese „Medaillen der Freundschaft“ in Japan als Symbol für herausragenden Sportsgeist.

Dabei sein ist alles

Vor allem Teilnehmer aus ärmeren Ländern, denen die Olympiateilnahme seit 1990 durch Wildcards ermöglicht wird, scheinen dieses Motto zu verinnerlichen und zu leben. Zu Ihnen gehörte auch Eric Moussambani aus Äquatorialguinea, der an den Sommerspielen 2000 als Schwimmer teilnehmen durfte. Tatsächlich konnte Eric damals aber gar nicht schwimmen und lernte es erst acht Monate vor dem Wettkampf – in einem Pool von 20 Metern Länge, obgleich eine Bahn bei Olympia 30 Meter länger ist.
Zum Vorlauf in 200 Metern Freistil kam der Mann aus Äquatorialguinea in blauer Badehose und bestritt den Wettkampf letztlich allein, da seine zwei Mitstreiter wegen Fehlstarts disqualifiziert wurden.
Was nun folgte, war eine Premiere bei Olympia: Eric paddelte eher um sein Leben, als das er Schwimmbewegungen machte. Die Füße strampelten unkoordiniert, die Hände schippten unregelmäßig im Wasser herum und die letzten Meter fielen dem Wildcard-Gewinner so schwer, dass Beobachter ihn schon vor dem Ertrinken retten wollten.

Aber der Sportler vollendete die 200 Meter mit einer persönlichen und nationalen Bestleistung – für den Weltrekord oder den Anschluss ans Turnier hätte er jedoch eine knappe Minute besser sein müssen.

Für diese Leistung gaben ihm die Medien den Spitznamen „Erich der Aal“. Glücklich war der Mann aus Äquatorialguinea trotzdem. Und  für jemanden, der sich acht Monate vorher das erste Mal über Wasser halten musste, hat er eine gute Leistung erbracht.

Ein paar Minuten Olympia

Auch 2012 gab es einen kuriosen Erfolg für eine unbekannte Frau in blauer Hose und rotem Pulli: Sie war ein paar Minuten der Star des indischen Olympiateams – obwohl sie gar nicht dazugehörte.
Tatsächlich lief die unbekannte Frau bei der Eröffnungsfeier an der Spitze des indischen Teams, direkt neben dem Fahnenträger. Sie hatte keine Akkreditierung um den Hals, sie trug weder den gelben Sari noch das blaue Jackett, dafür lächelte und winkte sie wie ein Profi.
Wie die Zeitung „Deccan Chronicle“ berichtete, soll es sich bei der Unbekannten wohl um eine Studentin gehandelt haben, die ursprünglich aus der indischen Stadt Bangalore stamme, derzeit aber in London leben würde.
Aber wer auch immer die Frau mit der roten Jacke war: Kurzzeitig war sie die Nummer eins des indischen Teams – denn in den zirka zehn Sekunden, in denen die Kameras auf das indische Team gerichtet waren, war der Fokus hauptsächlich auf die lächelnde Dame in der Mitte gerichtet.

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