Das Potenzial mancher Idee wird von Zeitgenossen nicht einfach nur nicht erkannt, sondern sogar als gefährlich eingestuft. Das ist umso bitterer, wenn auch und gerade die Experten abwinken.

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Werner Forßmann Foto: nobelprize.org

So erging es 1929 dem jungen Arzt Werner Forßmann (1904-1979) an der Berliner Charité. Er wollte einen Artikel über ein neues diagnostisches Verfahren veröffentlichen, das er zuvor im Selbstversuch an sich ausprobiert hatte und danach darüber habilitieren. Sein Chefarzt, die Medizinerlegende Ferdinand Sauerbruch, war nicht begeistert – ganz im Gegenteil: „Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik“, warf er Forßmann erst an den Kopf und den 25-Jährigen danach kurzerhand hinaus.

Die Idee des jungen Assistenzarztes war die Herzkatheteruntersuchung. Bereits während seines Studiums bekam er Zweifel an der Tauglichkeit der damaligen Herzdiagnostik: Röntgenbilder ließen wenig erkennen, weil man im Herz kein Kontrastmittel benutzen konnte; beim Abklopfen und Abhorchen wiederum kam es zu sehr auf die Interpretation des Arztes an. Eine unmittelbare Beobachtung des Herzschlags war unmöglich.

„Heldentat eines jungen Arztes“


Forßmann ließ dieser Umstand nicht los. Bereits kurz nachdem er 1928 seine erste Stelle als Assistenzarzt im Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Eberswalde angetreten war, ging er mit seiner Idee, einen dünnen Katheter über die Armvene bis zum Herzen zu schieben, zu seinem Chefarzt. Dieser empfahl Experimente an Tieren, doch dafür war die kleine Klinik in Eberwalde nicht eingerichtet. Einen Selbstversuch wiederum hielt der Chefarzt für viel zu gefährlich.

3d rendered illustration - heart attackForßmann hörte nicht auf ihn. In einem unbeobachteten Moment bat er eine OP-Schwester um eine lokale Betäubung und eh diese sich versah, hatte sich der Arzt bereits einen mit Speiseöl eingefetteten Blasenkatheter in den Arm geschoben. Auf halbem Weg zum Herzen hielt Forßmann inne und ging mit der Schwester in den Keller zum Röntgengerät. Dort vollendete er seinen erfolgreichen Selbstversuch und ließ ihn von einem Kollegen mit einem Bild dokumentieren.

Kurz danach wechselte der junge Arzt an die Charité. Noch bevor er im November 1929 einen zweiseitigen Aufsatz über sein Experiment in der Klinischen Wochenschrift veröffentlichen konnte, gelangte die Nachricht an die Berliner Boulevardpresse, die die „Heldentat eines jungen Arztes“ reißerisch publik machte. Chefarzt Sauerbruch lehnte daraufhin nicht nur Forßmanns Diagnosemethode ab, sondern hielt ihn auch noch für einen ruhmsüchtigen Hitzkopf.

Späte Belohnung für einen Selbstversuch

Trotz seines Rauswurfs blieb der junge Mediziner hartnäckig und führte weitere Selbstversuche durch, bis es ihm gelang, sich Kontrastmittel ins Herz zu injizieren. Doch selbst beim Chirurgenkongress 1931 erntete Forßmann bestenfalls Kopfschütteln für seine Erfolge. Eine große Karriere war ihm dadurch vergönnt. Erst als sich sein Verfahren nach weiteren Experimenten amerikanischer Ärzte nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzte, wurde ihrem Erfinder doch noch die wohlverdiente Anerkennung zuteil.

Am 18. Oktober 1956 stellte der Postbote dem mittlerweile als Urologe in Bad Kreuznach praktizierenden Forßmann ein Brieftelegramm vom Karolinska-Institut aus Stockholm zu: Er sollte den Nobelpreis für Medizin erhalten.

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