Es gibt Ideen, die Menschen das Leben leichter machen, produktiver oder schöner. Und es gibt Ideen, die das Leben eines Menschen retten können. Der Dreipunkt-Sicherheitsgurt ist weder schön, noch erleichtert er einem das Fahren. Er fällt in die zweite Kategorie von Erfolgsideen.

Wie viele Verkehrsteilnehmer bei Unfällen Dank Sicherheitsgurt von Verletzungen oder Schlimmerem verschont geblieben sind, weiß niemand genau. Es werden Millionen sein. Heute ist die Verwendung eines Dreipunktgurtes selbstverständlich und wer es einmal unterlässt, wird entweder dezent von Warnlampen und -tönen auf sein Versäumnis aufmerksam gemacht oder von der Polizei zu einer Bußgeldzahlung in Höhe von 30 Euro aufgefordert.

Vor 30 Jahren sah das noch anders aus. Zwar wurde das Anlegen eines Sicherheitsgurtes 1976 für alle Autofahrer in Deutschland zur Pflicht (und führte so zur Wortschöpfung des „Gurtmuffels“). Bußgeldpflichtig sind Verstöße dagegen erst seit 1984. Er ist also schon einige Jahre alt, der Dreipunktgurt. Aber wer hat ihn erfunden? Wie heißt der Lebensretter ungezählter Menschen?

Als im September 2002 im südschwedischen Nest Ramfall ein 82-jähriger Rentner starb, trauerte die Presse um den „Mann, der eine Million Leben rettete“. Doch praktisch niemand, der durch seine Erfindung Verkehrsunfälle überstanden hat, dürfte den Namen seines Helden kennen: Nils Bohlin.

Der Maschinenbauingenieur startete seine Karriere 1942 im Alter von 22 Jahren beim Flugzeughersteller Saab und entwickelte dort den Schleudersitz mit. 1958 wechselte er zu Volvo und war dort verantwortlich für den Bereich, der später maßgeblich zum Image des Automobilunternehmens beitragen sollte: die Sicherheit.

Bereits 1903 hatte der Franzose Gustave-Désiré Leveau einen Vierpunktgurt patentieren lassen. Später reihten sich Beckengurte und Varianten mit fünf Befestigungspunkten in die Liste der Erfindungen ein, die Autofahrer bei Unfällen schützen sollten. Doch diese Gurte boten entweder nur ein bescheidenes Sicherheitsplus oder waren zu umständlich anzulegen.

Bohlin wollte beides ändern. Nach lediglich einem Jahr Entwicklungszeit präsentierte er einen Sicherheitsgurt, der an der B-Säule des Autos befestigt war und mit nur einer Hand an einer Schnalle am Mitteltunnel befestigt werden konnte. Bohlins Dreipunktgurt wurde zum Patent angemeldet (Nummer 3.043.625) und noch 1959 in alle Volvo-Modelle eingebaut.

Bohlin legte danach eine Studie vor, in der er 28.000 Unfälle in Schweden untersuchen ließ. Das Ergebnis: In keinem einzigen Fall hatten sich korrekt angeschnallte Insassen bei Geschwindigkeiten unter 100 Kilometern pro Stunde lebensbedrohliche Verletzungen zugezogen. Der Dreipunktgurt trat damit seinen Siegeszug um die Welt an. Doch was Ingenieuren und Sicherheitsverantwortlichen sofort einleuchtete, hatte bei den Kunden überraschend lange Zeit einen schweren Stand. Der Dreipunktgurt war manchen zu beengend, anderen zu warm und wieder andere zweifelten an seinem Nutzen.

Zur Pflicht wurde der Gurt erstmals 1971 und das in einem Land, welches für seine Verkehrsdichte eigentlich nicht gerade bekannt ist. Im australischen Staat Victoria wurde das Anlegen eines Sicherheitsgurtes per Gesetz vorgeschrieben und sogleich ging die Anzahl tödlicher Verkehrsunfälle um fast ein Fünftel zurück. Nach Schätzungen des European Transport Safety Council erhöht das Anlegen eines Sicherheitsgurtes die Überlebenschancen bei einem Unfall um fünfzig Prozent.

Heute benutzen in Deutschland 95 Prozent alle Autofahrer den Sicherheitsgurt. Das Deutsche Patentamt wählte Bohlins Dreipunktgurt unter die acht nützlichsten Erfindungen der vergangenen 100 Jahre. Sie wurde seither stetig verbessert und ist mittlerweile eingebettet in eine ganze Armada von Sicherheitssystemen. Im Zusammenspiel mit Airbags und Straffungsmechanismen schützt der Dreipunktgurt nun noch besser. Wer keinen Gurt anlegt, riskiert hingegen, ungebremst in den sich öffnenden Airbag zu knallen.

Bohlin selbst erhielt zahllose Auszeichnungen für seine Erfindung und ist seit 1999 Mitglied der Automotive Hall of Fame – neben Autolegenden wie Henry Ford, Ferdinand Porsche oder Enzo Ferrari. Als Bohlin 2002 starb, befanden sich seine zwei Stiefsöhne gerade in Akron, Ohio, um in seinem Namen die Aufnahme in die National Inventors Hall of Fame anzunehmen. Selbst an diesem traurigen Tag verkündeten sie Bohlins lebensrettende Botschaft: „Vergessen Sie nicht, sich anzuschnallen.“

Cord Krüger

 
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