Manchmal entspringen große Erfindungen einem Moment, in dem nicht nur eine geniale Idee auf ein ideales Umfeld trifft, diese zu entwickeln. Hin und wieder braucht es auch Widrigkeiten, die eine Idee überhaupt erst reifen lassen. Ein solcher Fall ist die Geschichte der Kleinbildkamera.

Wer heute fotografiert, trägt kein klobiges Gerät mit sich herum, sondern meist eine kompakte Digitalkamera. Es ist rund 15 Jahre her, dass die digitale Fotografie fotochemische Verfahren zur Aufzeichnung von Bildern ersetzten. Auf ein handliches Format schrumpften Fotoapparate hingegen bereits vor knapp hundert Jahren. Dafür war ein Mann namens Oskar Barnack verantwortlich.

Barnack (1879-1936) war Feinmechaniker und entwickelte ab 1911 bei der Firma Leitz im hessischen Wetzlar Mikroskopen und Filmkameras. Als begeisterter Hobbyfotograf ging er häufig in die Natur. Derartige Ausflüge bedeuteten zur Jahrhundertwendezeit jedoch einige Schlepperei.

Fotoapparate wiegen zwölf Kilogramm

Zwar waren in den 1880er Jahren die schweren Fotoplatten durch Zelluloidfilm ersetzt worden. Doch auch nach dieser Innovation blieb die Fotografie eine unhandliche Angelegenheit. Eine vollausgestattete Mittelformatkamera konnte gut und gerne zwölf Kilogramm wiegen.


Mit diesem Marschgepäck mochten sich professionelle Fotografen vielleicht noch arrangieren. Barnack hingegen konnte und wollte es nicht, denn er litt unter Asthma.

Aus dieser Grundsituation heraus reifte in ihm die Idee, Fotoapparate entscheidend zu verkleinern. Den Schlüssel zum Erfolg fand er in seinem Fachgebiet, den Filmkameras. In diesen surrten 35 Millimeter breite Zelluloidfilme. Im Gegensatz dazu hielten Planfilmkameras Fotos auf mindestens 9 mal 12 Zentimeter großen Trägerblättern fest. Mittelformatapparate verwendeten Rollfilme mit dem meistverwendeten Format 6 mal 9 Zentimetern.

Barnack wusste, dass der Schlüssel zum Erfolg darin lag, Zelluloidstreifen, wie sie in Filmkameras zum Einsatz kamen, in einem Fotoapparat einzubauen. In seiner Freizeit nahm er sich der Herausforderung an und entwickelte in seiner Freizeit den Prototyp einer Kleinbildkamera. 1913/1914 war er fertig, konnte wegen des Ersten Weltkriegs jedoch erst zehn Jahre später in den Verkauf gehen.

Barnacks Erfindungen prägen die Fotografie

Weil der von Barnack favorisierte Name Lilliput bereits geschützt war, nannte er seine legendäre Kamera Leica – zusammengesetzte aus Leitz und Camera. Sie wurde ein riesiger Erfolg.

Die Leica machte die hochmobile Reportagefotografie, wie man sie heute kennt, überhaupt erst möglich. Nicht nur ihre kompakte Größe prägte die Entwicklung der Fotoapparate bis heute, auch drei weitere Eigenschaften von Barnacks Erfindung sind bis heute unverändert: Erstens das Filmformat von 24 mal 36 Millimeter; zweitens die Länge eines Kleinbildfilms von 1,65 Metern, die 36 Bildern entspricht. (Einen längeren Zelluloidstreifen konnte der Erfinder mit seiner Spannweite nämlich zum Entwickeln nicht auseinanderziehen.) Und drittens setzte sich auch die von Barnack konstruierte Halterung für das Blitzgerät, der Blitzschuh, durch.

Das erste Bild, das Barnack mit seinem Leica-Prototypen machte, demonstrierte bereits den Wert des Geräts für Hobbyfotografen. Es ist ein Schnappschuss. Er zeigt Unternehmer Ernst Leitz, wie er auf einem Feldweg vor Barnacks Frau den Hut zieht. Im Hintergrund sieht man Apfelbäume.

Wenn es der Erfinder wegen seines Asthmas nicht so schwer gehabt hätte, die klobigen Kameras zu tragen, hätten wir es heute vielleicht immer noch nicht so leicht, Fotos zu machen.

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