Erfolgreiche Erfindungen entstehen, wenn Menschen all ihr Herz und ihre Können einer einzigen Aufgabe widmen – oder, indem sie dies gerade nicht tun. Die Videospielkonsole, eine der beliebtesten und lukrativsten Freizeitbeschäftigungen überhaupt, entstand, weil sich ein Ingenieur bei seiner eigentlichen Arbeit unterfordert fühlte.

video game consoleRalph H. Bear (*1922) hieß dieser Mann, war 1938 vor den Nazis in die USA geflüchtet und arbeitete nach dem Krieg als Projektleiter bei einer Rüstungsfirma. Dort konstruierten er und ein Team Radartechnik für Unterseeboote, doch den begeisterten Tüftler Bear füllte das nicht aus: „Sie bauen etwas, das dauert zwei, drei oder vier Jahre“, sagte er später in einem Interview, „Sie können mit niemandem darüber sprechen, Sie können es niemandem zeigen, und wenn es fertig ist, ist es weg. Das macht keinen Spaß.“

Und so begann Bear Mitte der 1960er Jahre mit zwei Kollegen neben seiner Arbeit an einem Spielgerät zu basteln, das man an einen normalen Fernseher anschließen konnte. Zwei Jahre später war es soweit: Die „Brown Box“ beherrschte eine simple Ping-Pong-Variante sowie elf weitere Spiele, die man auf Speicherkarten in das Gerät schob. Einige Spiele wurden mit einem Joystickähnlichen Eingabegerät gesteuert, andere mit einer Art Golfschläger oder sogar einer sogenannten Lightgun. Die Brown Box konnte lediglich einige bewegliche Punkte und Formen darstellen. Für Hintergründe und Spielfelder musste man verschiedene Schablonen auf den Fernseher kleben.

Die erste Videospielkonsole arbeitete noch mit Transistoren

Das Gerät nutzte damit nicht nur einerseits eine ganze Reihe von Zubehörartikeln, die heute teilweise zum Standard gehören, es trennte außerdem bereits Hard- und Software. Andererseits ist die Brown Box mit modernen Videospielekonsolen technisch kaum noch vergleichbar. In ihrem Innern arbeiteten kein Mikroprozessoren, sondern Transistoren und Schalter. Nichtsdestoweniger funktionierte die  Brown Box tadellos. Dass Baer auf selbst für damalige Verhältnisse vergleichsweise leistungsschwache Hardware setzte, hatte zwei einfache Gründe: Computertechnik war zu groß und zu teuer. Mit einem angepeilten Konsolenverkaufspreis von 19,99 Dollar (entspräche heute ca. 135 Dollar) setzte Baer von Anfang an auf den Massenmarkt.


Weil sein Arbeitgeber die Erfindung jedoch für nutzlos hielt, machte sich der Ingenieur auf die Suche nach einem Lizenznehmer. Er führte seine Videospielekonsole bei verschiedenen Fernsehherstellern vor, doch erst der Elektronikkonzern Magnavox erkannte ihr Potenzial. In einem schicken weißen Plastikgehäuse und unter dem selbstbewussten Namen „Odyssey“ ging Baers Konstruktion 1972 in den Handel. Mehr als 300.000 Stück wurden davon für je 100 Dollar verkauft (entspricht heute 560 Dollar).

Odyssey trat damit den Siegeszug der Spielekonsolen zwar los, konnte ihn in den folgenden Jahren und Jahrzehnten allerdings nicht weiter beschleunigen. Atari avancierte mit seiner Konsole 2600 1977 zum Marktführer mit 30 Millionen verkauften Einheiten, Magnavox‘ (ohne Beteiligung Baers entwickelter) Odyssey-Nachfolger konnten technisch schon bald nicht mehr mithalten.

Reich geworden ist Ralph H. Baer, der Vater der Videospielkonsole, durch seine Erfindung nie. Nach eigener Auskunft war ihm das aber auch nicht so wichtig: „Ich konnte machen was ich wollte. Solche Freiheit ist in so einem Unternehmen unbezahlbar. Das war meine Belohnung.“


Eine ganze Reihe von Fotos der Brown Box und der Odyssey finden Sie auf 8bit-museum.de sowie auf pong-story.com.

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