In der Schule haben wir uns im Geschichtsunterricht auch mit den alten Griechen beschäftigt. Auch damit, dass damals einer in voller Montur von Marathon nach Athen gelaufen ist, im Ziel schrie „Wir haben gewonnen!“ und dann tot umfiel und daraus – weil die Strecke rund 42 Kilometer lang war – die Legende des Marathonlaufes entstanden ist. Vielleicht interessierte ich mich deswegen bei den Olympischen Spielen auch immer ganz besonders für diese Disziplin. Ich war aber nur so ein mittelprächtiger Jogger, ein oder zwei Mal pro Woche, 10 km, meist aber auch nur ein Mal am Wochenende.

Aber ich wollte immer schon mal New York sehen und da entwickelte ich ein Ziel. Ich wollte das erste Mal einen Marathon laufen und diesen in New York absolvieren. Aber wie sollte ich das anstellen? Mein Kumpel aus der Nachbarschaft, mit dem ich manchmal joggte, hatte schon einmal in Hamburg einen Marathonlauf absolviert und er sagte mir, dass es ein Buch gäbe, wo man innerhalb von 10 Wochen genauso trainieren kann, dass man im Ziel ankommt.
Über Amazon bestellte ich mir das Buch und rechnete genau aus, wann ich mit dem 10-Wochen-Trainingsprogramm beginnen müsste, um für den New York Marathon gerüstet zu sein. Der Lauf war Anfang November, also war Startschuss für mich am ersten Samstag im August. Und als mir mein Spezi dann noch zusagte, dass er manche Trainingseinheit, vor allem die langen Läufe, am Samstag mit mir gemeinsam bestreiten wollte, wurde ich immer zuversichtlicher.
Natürlich gab es bisweilen auch richtige Probleme – mal war die Familie sauer, dass ich mich nach Dienstschluss noch zwei Stunden zum Laufen abmeldete und besonders schlimm war es, wenn ich bei uns im Architekturbüro eine Arbeit noch unbedingt fertigstellen musste. Aber mit meinem Ziel vor Augen habe ich die Arbeit unterbrochen, bin Laufen gegangen und habe mich dann abends, als die Kinder im Bett waren, wieder an die Arbeit gemacht.

Eine Woche vor meinem Flug nach Amerika, war der lange Lauf angesetzt – über 30 Kilometer. Gott sei Dank lief mein Freund mit. Was ich während dieser 30 Kilometer für eine Gefühlsachterbahn erlebte, vergesse ich nie – von schaff ich ganz locker, zu Beginn, über wer weiß, ob das gut geht, zwischendrin, und auf den letzten fünf Kilometern meldete sich mein Faulheitsgen und fragte, was der ganze Quatsch soll, Familie vernachlässigt, beruflich bringt es keine Punkte, gesund ist das bestimmt auch nicht für die Gelenke und danach hast du – so hat man mir es zumindest erzählt – viele Tage Muskelkater und kannst dich kaum bewegen. Mein Freund half mir, indem er mich insbesondere auf diesen letzten Kilometern motivierte: komm, noch bis zu diesem Baum, wenigstens noch bis zur nächsten Straßenüberführung und als ich es geschafft hatte, war ich stolz und sehr motiviert.
Dann kamen die Tage, wo man nur ein bisschen trainierte, um neue Energie zu tanken und dann wurde ich immer positiver, weil aufgeregter…endlich New York. Natürlich war das komisch, ich kannte keinen, aber ich hatte mich rechtzeitig angemeldet und schon im Flugzeug saßen ein paar Leute, die auch nur deshalb in den Big Apple flogen.


Am Morgen des Laufes war ich viel zu früh wach – zum einen wegen der Zeitverschiebung, zum anderen sicherlich vor Aufregung und dachte noch, nicht viel Schlaf und dann auch noch der Marathon. Dann hörte ich, dass es in den letzten Kilometern etwas bergan ging, dass bei Kilometer 33 die meisten aussteigen und dann war es auch noch recht kühl…toll dachte ich. Aber als dann da zig tausende Läufer standen, der Startschuss knallte, schwamm ich auf einer Euphoriewelle. Ich hatte einen Hänger bei Kilometer 15 oder 16, weil ich mir vorstellte, dass ich noch nicht einmal die Hälfte hinter mir hatte und dann wieder ab Kilometer 33. Ich wusste nicht, ob ich umfallen oder freiwillig aufgeben soll, aber ich hielt mich dann an einige andere Läufer. Mal blieben die hinter mir zurück, andere liefen mir davon. Ich fand dann zwei Bremer, die ungefähr mein Erschöpfungsresttempo liefen. Wir feuerten uns gegenseitig an: wer aufgibt, müsse die anderen zum Essen einladen und als dann die letzten zwei Kilometer liefen, kam der Stolz und das große Glücksgefühl – ich fühlte mich wie ein Spitzensportler, der gleich das Finale gewonnen hat. Das Durchlaufen der Ziellinie war ein solcher persönlicher Triumpf für mich, den ich bis heute nie vergessen habe und werde, denn ich habe gelernt, was ich mit Training und Willensstärke erreichen kann.

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